Im Rahmen ihrer Begrüßung zeigte Flächensparmanagerin Anne Weiß auf, dass der aktuelle Bestand an Wohngebäuden in Unterfranken nicht mehr zu den Bedarfen passt, die sich aus der demographischen Situation ergeben. Die Bevölkerung werde älter, pluralistischer und die durchschnittliche Haushaltsgröße sinke. Vielfältige Lebensentwürfe führten zu mehr unterschiedlichen Wohnbedürfnissen. Darum seien alternative Wohnformen ein relevantes Thema, das jetzt angegangen werden müsse. Die etwa 100 zugeschalteten Teilnehmenden der Veranstaltung seien ein Indiz dafür, dass der Handlungsbedarf bereits erkannt wird.
Die erste Referentin, Dr. Romy Reimer, Geschäftsführerin der Bundesvereinigung FORUM Gemeinschaftliches Wohnen e.V. vermittelte wichtige Grundlagen rund um gemeinschaftliche Wohnprojekte. Es ginge ihr zufolge bei den meisten Projekten nicht darum, Renditen zu erwirtschaften, sondern um nachhaltiges Wohnen mit günstigen Mieten. Dabei seien immer gegenseitige Akzeptanz und aktive Beteiligung am Gemeinschaftsleben gefragt. „Das ist nichts für distanzierte Einzelgänger“, so Reimer. „Viele Projekte sind selbst organisiert. Die Posten Hausmeister, Vorstand oder Garten-AG müssen besetzt werden. Es funktioniert nur mit einer Kultur des Teilens und des Engagements.“ Allen Projekten sei gemein, dass sie keine Inseln darstellten, sondern verbunden seien mit der Nachbarschaft. Niemand müsse dort einsam leben – ein großer Pluspunkt im Alter.
Sie ging auf die verschiedenen Arten des gemeinschaftlichen Wohnens ein. Unter anderem berichtete sie über Wohn-Pflegegemeinschaften, die besonders am Land eine gute Alternative zum typischen Pflegeheim böten. Wenn im eigenen Umfeld noch keine Angebote vorhanden seien, müsse man sich selbst auf den Weg machen und ein Projekt gründen. Dafür verwies sie auf verschiedene Hilfeseiten und Beratungsstellen, die den Einstieg erleichtern. Eine professionelle Moderation am Anfang des Gründungsprozesses sei von Vorteil. Abschließend appellierte Fr. Reimer: „Es muss das Ziel sein, auch am Land mehr Genossenschaften aufzubauen. Dafür sollten sich u.a. die Kommunen stark machen.“
Es folgte ein Vortrag der Wohnraumagentur Göttingen. Referentin Johanna Kliegel stellte gleich zu Beginn klar: „Bauen, bauen, bauen ist aus unserer Sicht nicht die richtige Strategie. Wir müssen stärker auf den Bestand und dessen Qualitäten schauen.“ Sie berichtete über die Aktivitäten der kommunalen Wohnraumagentur, welche kostenfreie und unverbindliche architektonische Beratung zu Umbau und Wohnungstausch bietet. Außerdem gäbe es Zuschüsse für Fachberatungen. Die Agentur gehe mit Ausstellungen und Dialogformaten direkt in die Quartiere, um ihre Beratungsmöglichkeiten publik zu machen und Menschen zum Umdenken zu bewegen. „Wenn jemand dann eine Beratung aktiv in Anspruch nimmt, ist dieser gedanklich schon sehr weit gekommen. Es befindet sich bereits in der Phase, etwas verändern zu wollen“, so Kliegel. Sie betonte, dass Kontinuität bei der Beratung wichtig sei. „Als Ansprechpartner muss man langfristig erreichbar bleiben.“
Als dritter Referent des Tages gab Marcel Seehuber, Vorstand des SauRiassl Syndikat e.V. Einblicke in konkrete Praxisbeispiele des gemeinschaftlichen Wohnens in Altötting. Dort bestünden mittlerweile 7 Wohnprojekte. „Wir denken langfristig. Wir wollen eine Revolution anschieben, die in 50 oder 80 Jahren richtig durchschlägt“, ließ Seehuber wissen. 2009 wurde mit dem Altöttinger Mieterkonvent das erste Hausprojekt gestartet. Zuerst sei das eine utopische Idee von Hippies, Punkrockern usw. gewesen, die zusammengefunden hatten, um etwas zu verändern. 2018 wurde der Konvent zum SauRiassl Syndikat weiterentwickelt. Heute gibt es eine professionelle, gewachsene Struktur.
Viel Aufmerksamkeit erfuhr das Projekt in der Drechsler Straße. Hier wurde die Doppelhaushälfte einer älteren Dame durch das Syndikat umgebaut und der Wohnraum im Dachboden erweitert. Während die Dame weiterhin – nun barrierefrei – im Erdgeschoss wohnen kann, ist in die oberen Stockwerke eine dreiköpfige Familie neu eingezogen. „Wir machen Heizungswechsel, Mieterstrom, neue Sharing-Angebote – wir sanieren umfassend“ erklärte Seehuber die Vorgehensweise. „Wir entziehen die Häuser dem Immobilienmarkt und stellen sie den Leuten zur Verfügung, die darin wohnen. Sie bekommen einen Mietvertrag, Eigenbedarfskündigungen gibt es nicht. Die Mieten steigen nur langsam, deutlich geringer als im Umfeld.“ So wurde das SauRiassl Syndikat zum Erfolgsprojekt.
Eine Umfrage unter den Teilnehmenden der Veranstaltung ergab, dass unterschiedlicher Handlungsbedarf gesehen wird, um mehr adäquaten Wohnraum für alle Bevölkerungsgruppen zu schaffen. Die genauen Ergebnisse finden Sie hier.
Text und Bildmaterial: Regierung von Unterfranken





